Die Sorge ist allgegenwärtig unter Autoren und Kreativen im DIY-Bereich: Der Markt scheint überflutet, die Sichtbarkeit schwindet, und die Preise stehen unter Druck. Lohnt es sich überhaupt noch, Zeit und Herzblut in die Entwicklung neuer Anleitungen zu stecken? Die gängige Meinung lautet oft: Der Markt ist gesättigt. Eine detaillierte Marktanalyse liefert jedoch fünf kontraintuitive Diagnosen, die etablierte Annahmen widerlegen und strategische Handlungsfelder für Kreativschaffende aufzeigen.

Bild mit KI erstellt
1. Der Markt ist nicht gesättigt – er spaltet sich in zwei Welten auf
Die pauschale Annahme eines gesättigten Marktes ist irreführend. In Wirklichkeit erleben wir eine klare Aufspaltung. Der erste Teil des Marktes umfasst Basis- und Einsteigeranleitungen. Dieses Segment, das zunehmend aus austauschbaren „Commodity“-Produkten besteht, leidet tatsächlich unter enormem Angebotsdruck, hoher Preissensibilität und sinkender Sichtbarkeit für neue Produkte. Hauptgründe dafür sind der sogenannte „Long Tail“-Effekt, bei dem sich über Jahre riesige Kataloge angesammelt haben, sowie schnell kopierbare Trendformate, die den Markt kurzfristig fluten.
Der zweite Teil des Marktes besteht aus spezialisierten Nischen, die eine stabile bis wachsende Nachfrage aufweisen. Getragen von soziokulturellen Trends, florieren hier Bereiche wie Nachhaltigkeit und Reparatur, Upcycling, hochwertige Technik-Anleitungen, passformspezifische Konzepte oder barriereärmere Formate. Diese Segmente bedienen spezifische Bedürfnisse, die über das schnelle Nacharbeiten eines Trends hinausgehen.
Diese Unterscheidung ist entscheidend: Der Erfolg hängt nicht davon ab, ob man in den Markt einsteigt, sondern wo.
2. Die wahre Konkurrenz ist nicht neu, sondern ewig haltbar
Wer eine neue Anleitung veröffentlicht, konkurriert nicht nur mit den Neuerscheinungen des letzten Monats. Die eigentliche Herausforderung ist der riesige, kumulative Bestand an digitalen Gütern.
Entscheidend ist dabei jedoch eine weitere Erkenntnis: Es gibt keinen klaren Beleg für ein dauerhaft exponentielles Wachstum der jährlich neuen Veröffentlichungen. Die zentrale, kontraintuitive Erkenntnis lautet also: Die Sichtbarkeit wird weniger durch eine immer schnellere Flut neuer Anleitungen erschwert, sondern durch den riesigen, bereits existierenden Katalog. Digitale Anleitungen „verfallen“ nicht. Eine neue Anleitung von 2026 konkurriert mit Millionen älterer Einträge um die Aufmerksamkeit der Käufer.
Für Kreative bedeutet das, dass es weniger um reine Neuheit als vielmehr um strategische Auffindbarkeit und klare Differenzierung gehen muss.
3. Punktuelle Plattform-Krisen sind kein Beweis für eine Nachfrage-Krise
Das Jahr 2025 war von Nachrichten geprägt, die viele als Beweis für einen sterbenden Markt werteten. Doch bei genauerer Betrachtung handelt es sich um Strukturereignisse, nicht um das Ende der Nachfrage. So wurde die Schließung einer großen deutschsprachigen DIY-Plattform im März 2025 als Wirtschaftlichkeitsentscheidung kommuniziert, nicht als Insolvenz. Dies ist ein Kanal- und Strukturereignis, das Angebot und Nachfrage neu verteilt, statt sie zu eliminieren.
Gleichzeitig meldete ein großer US-Anbieter im Sommer 2025 ein Chapter-11-Verfahren an. Entscheidend ist hier jedoch, dass das traditionsreiche Schnittmuster-Geschäft als laufender Betrieb verkauft wurde. Dies deutet weniger auf eine plötzliche Ablehnung von Schnittmustern durch die Kunden hin, sondern auf eine tiefgreifende Transformation der Wertschöpfungskette – etwa durch Konsolidierung oder einen Wechsel der Vertriebskanäle.
Die strategische Lektion hier ist, zwischen einer echten Nachfragekrise und einem reinen Kanalrisiko zu unterscheiden. Letzteres erfordert Diversifizierung, keine Resignation.
4. Gekauft wird nicht mehr das Produkt, sondern der Prozess (und das gute Gefühl)
Trotz unzähliger kostenloser Anleitungen auf Blogs und Videoplattformen sind Menschen weiterhin bereit, für digitale Produkte zu bezahlen. Der Grund liegt in einer Verschiebung des Wertversprechens. Kunden zahlen heute für Zeitersparnis, Verlässlichkeit durch getestete Anleitungen, hohe Qualität im Format, verlässlichen Support und vor allem für Vertrauen in eine Marke oder einen Designer.
Ein weiterer, immer wichtigerer Treiber ist die mentale Gesundheit. In unserer Umfrage von 2025 nannte ein sehr hoher Anteil der Befragten „Entspannung und Stressabbau“ als zentrales Motiv für ihr Hobby. Wissenschaftliche Studien stützen diesen Zusammenhang, weisen jedoch darauf hin, dass die Effekte auf individueller Ebene zwar messbar, aber oft moderat sind – was die Bedeutung eines reibungslosen Prozesses für das Wohlbefinden unterstreicht.
Die Analyse ist klar: Erfolgreiche Anleitungen versprechen nicht nur ein schönes Ergebnis, sondern ermöglichen vor allem einen reibungslosen, stressfreien und erfüllenden Prozess dorthin.
5. Im Zeitalter der KI wird Vertrauen zur härtesten Währung
Die Verbreitung von generativer KI schafft neue Herausforderungen. KI-gestützte Bildgenerierung kann zu unrealistischen Produktbildern führen, die Kunden enttäuschen. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass KI-generierte Anleitungen auf den Markt kommen, die nicht handwerklich getestet wurden.
Der Markt reagiert bereits auf diese Entwicklung. Wir haben Ende 2025 eine Kennzeichnung für KI-gestützte Bilder eingeführt, um Transparenz zu schaffen und das Vertrauen der Nutzer zu stärken und werden weiter daran arbeiten.
Für Designer bedeutet dies, dass „Trust-Signale“ wichtiger werden als je zuvor. Dazu gehören echte Projektfotos (gerne auch mit kleinen Imperfektionen), transparente Hinweise auf durchgeführte Tests, konsistente Größentabellen und klare, verlässliche Materiallisten. Authentizität und Verlässlichkeit werden zur entscheidenden Währung.
Fazit: Es ist nicht das Ende, sondern die nächste Stufe
Der Markt für DIY-Anleitungen ist nicht tot. Er reift, professionalisiert sich und differenziert sich aus. Die Zeiten, in denen man mit einfachen Basis-Anleitungen schnell erfolgreich werden konnte, mögen vorbei sein. Doch für Kreative, die die Marktsignale richtig deuten und sich auf Spezialisierung, prozessorientierte Qualität und den Aufbau von Vertrauen konzentrieren, ist der Markt nicht kleiner, sondern lediglich anspruchsvoller und präziser geworden.