Vermutlich kennst du diese Situation: du bist über eine Häkelanleitung für ein super süßes Amigurumi gestolpert und wolltest es sofort nachhäkeln. Dann hast du alles besorgt, was du dafür brauchst: passendes Garn, Häkelnadel, Maschenmarkierer, ... Und dann geht es los, du arbeitest Schritt für Schritt der Anleitung nach.
Endlich hältst du dein fertiges Amigurumi in deinen Händen, es hat eigentlich auch alles reibungslos funktioniert beim Nacharbeiten. Du hast keinen Schritt ausgelassen, keine Maschen vergessen oder zusätzliche hinzugenommen, du hast dich komplett an die Anleitung gehalten. Doch trotzdem hast du das Gefühl, dass dein Amigurumi einfach anders aussieht, als das Amigurumi, das auf der Anleitung abgebildet ist.
Vielleicht ist der Kopf deines Amigurumis irgendwie runder oder die Gliedmaßen wirken länger. Vielleicht ist der Blick deines Amigurumis auch einfach nicht so freundlich, wie der Blick auf der Anleitung. Oder die Größe deines Amigurumis weicht einfach von der angegebenen Größe in der Anleitung ab.
Aber woran liegt das?
Mach dir keine Sorgen: das ist völlig normal. Beim Häkeln handelt es sich um echte Handarbeit. Deshalb kann auch kein Amigurumi einem anderen zu 100 Prozent gleichen. Auch wenn zwei Personen dasselbe Garn, dieselbe Häkelnadel und dieselbe Anleitung verwenden, werden die entstehenden Amigurumis höchstwahrscheinlich kleine Unterschiede aufweisen.


Eine Häkelanleitung ist keine Gussform
Die Häkelanleitung soll dir zeigen, wie ein bestimmtes Amigurumi hergestellt werden kann. In ihr steht z.B. wie du beginnst und wann Zu- oder Abnahmen gearbeitet werden oder wo du einen Farbwechsel einbauen solltest. Sie sagt dir auch, wie viele Runden gearbeitet werden.
Dennoch bist auch du selbst Teil des Entstehungsprozesses eines Amigurumis. Anders als bei industriell gefertigten Produkten, spielt beim Häkeln auch die Person eine Rolle, die die Häkelnadel führt. Die Art, das Garn und die Häkelnadel zu halten und zu führen ist ganz individuell. Manche häkeln sehr fest, andere wiederum eher locker. Dadurch erhält jedes gehäkelte Produkt seinen ganz eigenen Charakter. Gerade bei Amigurumis können bereits kleinste Unterschiede viel bewirken.
Die Fadenspannung
Einer der wichtigsten Faktoren beim Häkeln ist deine persönliche Fadenspannung. Vielleicht hast du schonmal gesehen, wie jemand anderes häkelt und dabei festgestellt, dass die andere Person deutlich lockerer (oder fester?) häkelt als du selbst.
Bei einem Schal oder einer Decke fällt dieser Unterschied womöglich nicht so stark auf. Bei einem Amigurumi kann das allerdings schon einen entscheidenden Unterschied machen.
Wer sehr fest häkelt, erhält ein kompakteres und festeres Ergebnis, während ein Amigurumi von jemandem, der lockerer häkelt, größer und weicher wird. Auch die Proportionen können aufgrund der Fadenspannung optisch anders wirken. Die Maschenzahl allein sorgt nicht für das richtige Aussehen.
Das Garn
Nicht immer wird für ein Projekt exakt das Garn verwendet, das auch in der entsprechenden Häkelanleitung angegeben wurde. Das kann an deiner persönlichen Vorliebe für bestimmte Garne liegen oder daran, dass du vielleicht erst noch vorhandene Restwolle verarbeiten möchtest.
Das ist in der Regel kein Problem, allerdings solltest du dich nicht wundern, wenn dann dein Ergebnis anders aussieht als auf der Anleitung. Verwendest du beispielsweise lieber Baumwollgarn für eine Anleitung, die Chenille-Wolle empfiehlt, dann wird dein Ergebnis fester und weniger flauschig aussehen als auf der Anleitung.
Die Größe des Amigurumi wird ebenfalls direkt vom verwendeten Garn beeinflusst. Verwendest du ein dickeres Garn, wird auch dein Amigurumi größer werden. Auch Details können je nach verwendetem Garn unterschiedlich zur Geltung kommen. Kleine Formen und Konturen sind bei einem glatten Garn meist deutlicher zu erkennen als bei flauschigem Garn.
Wenn dein Amigurumi also mit einem anderen Garn nicht genauso aussieht wie das Original ist also nur logisch.


Die Rolle der Häkelnadel
Die verwendete Nadelstärke ist stark mit der Wahl des Garns verbunden. Bei Amigurumis wird in der Regel relativ fest gehäkelt, damit das Maschenbild möglichst dicht wird und das Füllmaterial später nicht sichtbar wird. Welche Nadelstärke dafür ideal ist, hängt auch von deiner persönlichen Häkelweise ab.
Die richtige Nadelstärke findest du am besten heraus, wenn du einfach mal verschiedene Häkelnadeln ausprobierst. Wenn du feststellst, dass die Lücken zwischen deinen Maschen noch zu groß sind, dann probiere eine kleinere Häkelnadel aus.
Die richtige Menge an Füllwatte
Ein nicht unwesentlicher, aber oft unterschätzter Faktor, der das Aussehen eines Amigurumis beeinflusst, ist das Ausstopfen. Mit der richtigen Menge an Füllwatte kannst du den einzelnen Körperteilen ihre Form verleihen.
Wenn du beispielsweise einen Kopf nur locker ausstopfst, dann wird er eher weich und nicht so prall und rund wie wenn du ihn sehr fest ausstopfen würdest. Festes Ausstopfen sorgt dafür, dass der Kopf fester und größer wird und seine Form hält.
Aus diesem Grund lohnt es sich, die Füllwatte nicht einfach nur unbedacht in die Körperteile zu stopfen, sondern sie eher portionsweise an den richtigen Stellen zu platzieren, um den Körper so ganz nach deinen Vorstellungen zu formen.


Das Zusammensetzen
Wenn du alle Einzelteile fertig gehäkelt hast, musst du sie noch zu einem Ganzen zusammensetzen. Und genau das kann das Aussehen deines Amigurumis noch einmal enorm verändern.
Beispielsweise kann es schon den Gesamteindruck deines Amigurumis verändern, wenn du die Ohren auch nur eine Reihe weiter oben oder unten anbringst, als es von der Anleitung gedacht ist. Wenn beide Ohren weiter oben sitzen, wirkt dein Amigurumi vielleicht etwas aufmerksamer. Auch die Positionierung der anderen Einzelteile (wie Arme oder Beine) kann das Aussehen deines Amigurumi stark verändern.
Aus diesem Grund empfehle ich dir, die anzunähenden Teile immer erstmal mit Stecknadeln zu fixieren. So kannst du dein Amigurumi erst nochmal genaustens von allen Seiten betrachten, bevor du die richtige Position endgültig festlegst.
Augen und Gesicht
Augen, Mund, Nase und Augenbrauen nehmen nur einen kleinen Teil des gesamten Amigurumi ein und dennoch bestimmen sie ganz wesentlich seinen Ausdruck.
Bei Sicherheitsaugen kann bereits eine Masche mehr oder weniger Abstand einen sichtbaren Unterschied machen. Eng zusammenstehende Augen sorgen für eine komplett andere Wirkung als weit auseinanderliegende. Auch die Höhe oder Größe der Augen beeinflusst den gesamten Gesichtsausdruck deines Amigurumis.
Noch mehr Potential für Abweichung, aber auch für eigenen Gestaltungsspielraum, hast du bei aufgestickten Gesichtsdetails. Die Position von Augenbrauen, Nase und Mund können ebenso den Gesichtsausdruck beeinflussen wie ein paar aufgestickte Lichtreflexe.
Genau deshalb können zwei Amigurumis sehr unterschiedlich aussehen, aber gerade diese Unterschiede machen sie so einzigartig und verleihen ihnen einen individuellen Charakter.

Wann ist "anders" tatsächlich ein Hinweis auf einen Fehler?
All das bedeutet natürlich nicht, dass jedes abweichende Ergebnis nur auf die persönliche Häkelweise zurückzuführen ist. Wenn die Proportionen sehr deutlich von den Bildern der Anleitung abweichen, lohnt es sich, nochmal genauer hinzuschauen. Überprüfe, ob du tatsächlich alle Zu- und Abnahmen korrekt gearbeitet hast oder ob alle Körperteile auch tatsächlich an den entsprechend angegebenen Positionen sitzen.
Am besten überprüfst du bereits beim Arbeiten nach der Anleitung jeden Zwischenschritt, wenn du dir noch unsicher bist. Wenn Maschen- und Rundenzahlen stimmen, ist das ein gutes Zeichen.
Anders bedeutet nicht falsch
Wenn dein Amigurumi nicht genauso aussieht wie auf dem Foto der Häkelanleitung, bedeutet das nicht automatisch, dass du etwas falsch gemacht hast.
Gefällt dir dein fertiges Werk, seine Form und sein Gesichtsausdruck? Dann darf es genauso aussehen, wie es aussieht.
Denn auch wenn wir dieselben Maschen nach derselben Anleitung häkeln, entsteht am Ende immer ein individuelles Amigurumi – und genau das macht jedes Stück zu etwas Besonderem.







PS: Alle Bilder aus diesem Artikel sind Ergebnisse der Tester meiner Anleitung "Ball-Löwe Loma".