Vor einigen Wochen habe ich im Forum von Crazypatterns eine Diskussion gelesen. Dort ging es um die Frage, ob Häkel- und Strickanleitungen zu teuer seien.
Diese Diskussion hat mich noch eine Weile beschäftigt. Denn ähnliche Aussagen hört man immer wieder – nicht nur über Anleitungen, sondern auch über handgemachte Produkte.
Dabei habe ich mich gefragt, ob wir heute manchmal den Blick dafür verloren haben, wie viel Arbeit hinter kreativen Projekten tatsächlich steckt.
Wir haben uns an günstige Produkte gewöhnt
Wir leben in einer Zeit, in der viele Produkte industriell gefertigt werden. Maschinen stellen in kurzer Zeit große Stückzahlen her. Dadurch werden Produkte günstiger und für viele Menschen erschwinglich. Das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung.
Gleichzeitig verändert das aber auch unsere Erwartungen.
Viele Dinge sind jederzeit verfügbar und lassen sich problemlos ersetzen. Deshalb fällt es manchmal schwer nachzuvollziehen, warum ein handgefertigtes Einzelstück oder eine Häkelanleitung mehr kostet.
Handarbeit funktioniert jedoch nach anderen Maßstäben als die industrielle Massenfertigung.
Jedes Stück wird einzeln gefertigt. Jede Anleitung wird individuell entwickelt, geschrieben, fotografiert und getestet. Dieser Arbeitsaufwand lässt sich nicht einfach auf tausende Exemplare verteilen wie bei industriell gefertigten Produkten.
Hier zeigt sich der eigentliche Unterschied: Das Material macht oft nur einen kleinen Teil aus. Den größten Anteil haben die vielen Stunden Arbeit, die Erfahrung und die Entwicklung, die in jedes einzelne Projekt fließen.
„Das könnte ich auch selbst.“
Vielleicht kennst du diesen Gedanken.
Du siehst auf einem Markt oder im Internet etwas Schönes und denkst:
„Eigentlich könnte ich das auch selbst machen.“
Ich kenne das ebenfalls.
Und manchmal stimmt es sogar.
Mit etwas Zeit und Übung könnte man vieles selbst herstellen.
Nur bleibt es im Alltag oft bei der Idee.
Die Zeit fehlt, andere Dinge sind wichtiger oder das Material ist gerade nicht vorhanden.
Wenn wir uns dann doch für ein handgemachtes Produkt entscheiden, bezahlen wir nicht nur das Material. Wir bezahlen auch die Zeit, die Erfahrung und das Können der Person, die es hergestellt hat.
Handarbeit besteht aus weit mehr als Material
Wer selbst häkelt oder strickt, weiß, wie viel Zeit und Sorgfalt in einem Projekt stecken. Oft wird ausprobiert, verändert oder auch wieder aufgetrennt, bevor alles so aussieht, wie man es sich vorgestellt hat.
Am Ende sehen andere meist nur das fertige Ergebnis.
Die vielen kleinen Arbeitsschritte, die Überlegungen und die investierte Zeit bleiben dagegen unsichtbar.
Aus diesem Grund wird häufig unterschätzt, wie viel Arbeit tatsächlich in einem handgefertigten Stück steckt.
Das gilt auch für Anleitungen
Ähnlich ist es bei Häkel- und Strickanleitungen. Von außen sieht man am Ende nur ein PDF. Der eigentliche Arbeitsaufwand beginnt aber schon lange vorher.
Zuerst wird das Modell entwickelt. Während des Häkelns werden Maschen gezählt, Notizen gemacht und verschiedene Lösungen ausprobiert. Oft entstehen mehrere Versionen, bevor wirklich alles passt.
Danach werden Fotos gemacht und die einzelnen Arbeitsschritte dokumentiert.
Anschließend beginnt das Schreiben der Anleitung. Jeder Schritt muss verständlich formuliert, Maschenzahlen kontrolliert und das gesamte Dokument sorgfältig überarbeitet werden.
Zum Schluss wird die Anleitung probegehäkelt. Erst dabei zeigt sich, ob alle Erklärungen nachvollziehbar sind oder ob noch Änderungen notwendig werden.
Bis eine Anleitung veröffentlicht werden kann, vergehen deshalb oft viele Stunden oder sogar mehrere Tage.
Ein weiterer Unterschied zur Massenproduktion ist, dass sich dieser Aufwand nur auf die verkauften Anleitungen verteilen lässt. Ein großer Verlag oder Hersteller kann Entwicklungskosten auf tausende oder sogar hunderttausende Exemplare umlegen. Eine unabhängige Designerin hat diese Möglichkeit in der Regel nicht.
Was dabei ebenfalls leicht übersehen wird: Der Verkaufspreis einer Anleitung entspricht nicht automatisch dem Betrag, der bei der Designerin ankommt.
Von jedem Verkauf werden zunächst die Gebühren der Verkaufsplattform abgezogen. Hinzu kommen Steuern und – je nach Situation – weitere Ausgaben, beispielsweise für Werbung oder die eigene Internetpräsenz. Denn auch eine gut geschriebene Anleitung verkauft sich nicht von allein. Viele Designerinnen investieren zusätzlich Zeit und Geld, um ihre Anleitungen überhaupt sichtbar zu machen.
Der tatsächliche Erlös fällt deshalb oft deutlich geringer aus, als der Verkaufspreis zunächst vermuten lässt.
Wenn dann jemand sagt: „Die Anleitung ist aber teuer.“, lohnt es sich vielleicht, auch diesen Unterschied mit einzubeziehen.
Eine Beobachtung, die mich nachdenklich macht
Zurzeit läuft auf CrazyPatterns wieder eine Rabattaktion.
Dabei fällt mir jedes Mal auf, dass deutlich mehr Anleitungen gekauft werden als zum regulären Preis. Natürlich freue ich mich über jeden einzelnen Kauf. Gleichzeitig frage ich mich aber, ob wir uns inzwischen daran gewöhnt haben, digitale Produkte hauptsächlich dann zu kaufen, wenn sie reduziert sind. Dabei verändert sich die Arbeit hinter einer Anleitung durch einen Rabatt nicht. Die Zeit für die Entwicklung, das Schreiben, das Fotografieren und das Testen bleibt dieselbe. Rabattaktionen gehören selbstverständlich dazu und ich nutze sie selbst ebenfalls gerne. Trotzdem finde ich die Frage interessant, welchen Wert wir kreativer Arbeit eigentlich beimessen.
Vielleicht denke ich darüber im Moment auch deshalb intensiver nach, weil ich selbst regelmäßig Anleitungen schreibe und genau weiß, wie viele Stunden in einem einzigen Projekt stecken.
„Ich mache das doch nur als Hobby.“
Diesen Satz höre ich häufig. Viele von uns häkeln oder stricken aus Freude – ich auch.Aber ein Hobby bedeutet nicht automatisch, dass die investierte Zeit keinen Wert hat.
Wir verbringen unsere Freizeit mit unserem Handwerk, entwickeln Ideen, lernen neue Techniken und sammeln Erfahrungen. All das fließt später in unsere Projekte und Anleitungen ein.
Warum faire Preise wichtig sind
Ein Aspekt wird in solchen Diskussionen häufig übersehen. Wenn handgemachte Produkte oder Anleitungen dauerhaft sehr günstig angeboten werden, entsteht leicht der Eindruck, dass die dahinterstehende Arbeit ebenfalls nur wenig wert ist. Das macht es anderen Kreativen oft schwerer, ihre Preise nachvollziehbar zu kalkulieren. Dabei geht es aus meiner Sicht nicht darum, möglichst hohe Preise zu verlangen. Es geht vielmehr darum, den tatsächlichen Arbeitsaufwand nicht aus den Augen zu verlieren.
Ein Vergleich
Wenn wir einen Handwerker beauftragen, bezahlen wir selbstverständlich nicht nur das Material. Wir bezahlen auch seine Ausbildung, seine Erfahrung und seine Arbeitszeit. Bei kreativer Handarbeit ist das letztlich nicht anders.
Auch bei einer Anleitung bezahlen wir nicht nur das PDF, sondern die Entwicklung des Modells, das Schreiben, die Fotos, das Testen und die Erfahrung, die darin steckt.
Wertschätzung zeigt sich auf unterschiedliche Weise
Wertschätzung hat viele Gesichter. Ein netter Kommentar, ein Dankeschön, eine gute Beurteilung oder ein Foto eines nachgearbeiteten Projekts freuen mich jedes Mal aufs Neue.
Wenn es jedoch um den Verkauf von Handarbeiten oder Anleitungen geht, gehört für mich auch ein fairer Preis dazu. Er ist nicht nur die Bezahlung für ein Produkt oder eine Datei, sondern auch eine Anerkennung der Zeit, der Erfahrung und der kreativen Arbeit, die darin steckt.
Natürlich muss niemand alles kaufen. Aber ich wünsche mir, dass wir den Wert kreativer Arbeit bewusster wahrnehmen – unabhängig davon, ob es sich um ein handgefertigtes Einzelstück oder eine sorgfältig ausgearbeitete Anleitung handelt.
Wertschätzung beginnt bei uns selbst
Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist auch, wie wir selbst über unsere Arbeit sprechen.
Sätze wie „Das habe ich eben schnell gehäkelt.“ oder „Das war doch keine große Arbeit.“ hören wir oft und vielleicht sagen wir sie sogar selbst.
Dabei entsprechen sie meist gar nicht der Realität.
Natürlich darfst du deine Handarbeiten verschenken. Ich mache das ebenfalls gerne. Aber deshalb muss man die eigene Arbeit nicht kleinreden.
Denn auch ein Geschenk ist nicht plötzlich ohne Wert, nur weil kein Geld dafür bezahlt wurde.
Mein Fazit
Handarbeit besteht aus weit mehr als Wolle und ein paar Maschen.
Dasselbe gilt für gut ausgearbeitete Häkel- und Strickanleitungen.
Hinter jedem Projekt stehen Ideen, Erfahrung, Zeit und viele Arbeitsschritte, die später kaum noch sichtbar sind.
Deshalb lohnt es sich, beim nächsten Kauf eines handgemachten Produkts oder einer Anleitung nicht nur den Preis zu betrachten, sondern auch den Weg dorthin.
Mich würde interessieren, wie du das siehst.
Sind Handarbeiten und Anleitungen heute tatsächlich zu teuer? Oder hat sich unsere Wahrnehmung ihres Wertes verändert?
Ich freue mich auf deine Gedanken in den Kommentaren.